Der Schriftsteller und Theologe Klaas Huizing 

Flexibel mit Gewinn

Der Schriftsteller und Theologe Klaas Huizing erklärt in unserem Interview, warum Flexibilität wichtig, manchmal aber auch hinderlich sein kann und wie wir leidigen Routinen entkommen.

Wie wichtig ist Flexibilität für uns Menschen und wie wichtig für Unternehmen?
Flexibilität ist eine ideale Strategie, um mit einem zentralen Faktor unseres Lebens gut umzugehen: Kontingenz. Kontingenz bedeutet alles, was unberechenbar, unvorhersehbar, unerwartet auf uns einstürmt. Das Leben selbst, das sich ständig wandelt. Anstatt über Unerwartetes zu klagen, in Angststellung zu verfallen oder sich einzuigeln, raten Befürworter der Flexibilität, „Ja“ zu Veränderungen zu sagen. Also: Wahlmöglichkeiten offen zu haben, Plan-B-Konzepte in der Hinterhand zu halten und sich Spontaneität als Grundzug eines optimistischen Lebens anzueignen. Deshalb ist Flexibilität wichtig – aber nicht allein. Flexibilität setzt Strukturen der Ordnung, Sicherheit und Stabilität voraus. Wo alles flexibel wird, herrscht Orientierungslosigkeit. Wenn mein Stammcafé ständig zu verschiedenen Zeiten öffnet, bleib ich irgendwann weg. Denn ich muss mit großem Aufwand in Erfahrung bringen, wann das Café nun geöffnet hat. Diese Form von Flexibilität bedeutet Beliebigkeit, das ist ein destabilisierender Faktor für das Leben. Flexibilität meint kein isoliertes Handeln, sondern es bedarf des Einverständnisses aller beteiligten Seiten.

Woher kommt der Begriff eigentlich?
Flexibilität ist immer ein Dienst an jemandem anderen oder an einer Sache. Das geht aus der Etymologie hervor: Das lateinische „flectere“ heißt „beugen“. Flexibel sein ist eine Verbeugung, eine Unterwerfung unter eine Sache – den eigentlichen Wert. Dem Ursprung kommt die Flexibilität aus einer evolutionstheoretischen Mentalität: Das „Survival of the fittest“ meint nichts anderes als Flexibilität. Wer am besten angepasst ist, überlebt. Flexibel sein heißt nichts anderes als: Sich den Umständen nicht nur geschickt, sondern mit Gewinn anzupassen. Und das löste der Frühmensch offensichtlich bravourös: Wenn der Mammut nicht zu mir in den Topf kommt, dann weine ich nicht und überlasse mich nicht dem Verhungern. Sondern ich gehe selbst zum Mammut, stelle ihm eine Falle und erlege ihn. Das meint also Flexibilität: Eine Mangelsituation analysieren, Lösungsstrategien entwickeln und durchführen. Und siehe da: Das Mammutfell hilft sogar noch die Eiszeiten ohne Frostschäden zu überstehen! Surplus! Diese Strategie der Flexibilität dient dem Überleben. Daher „Survival“! Der Wert, in dessen Dienst die Flexibilität steht, ist stets das Überleben. Nicht ganz so martialisch gesprochen: dem guten, auch angenehmen Leben. Das gilt auch für Firmen.

So hoch man die Flexibilität daher auch loben mag, sie hat doch auch einen Haken: Inhaltlich fordert sie Offenheit, Umdenken, Umlernen, rasche Reaktionen. Sie setzt aber dabei voraus, dass eine Situation unveränderlich ist. Eine kleine Unterscheidung scheint sinnvoll: Gut, das Mammut springt tatsächlich nicht in den Topf, wie wir auch alle auf den Tod zugehen. Da sind wir zu recht relativ unflexibel, aber bei menschlichen Organisationsphänomenen wie Kapitalismus, Nation, Energiegewinnung, Lebensführungspraktiken? Sind das die unveränderlichen Kontingenzen? Wer Flexibilität einfordert, spricht häufig von diesen großen Notwendigkeiten, die als fest gezimmerte Naturphänomene deklariert werden: Kapitalismus oder Marktgesetze. Flexibilitätsgegner könnten daher auch den Finger auf die Wunde legen und erklären: Wer nur flexibel ist, ist immer bloß angepasst, kann letztlich keine wirklichen, radikalen Veränderungen herbeiführen. Wieso nur die Offenheit für Anpassung fordern? Kann man nicht auch Offenheit für Veränderung der Strukturen entwickeln? Flexibilitätsgegner verweisen auf den feinen Unterschied zwischen der Strategie und dem eigentlichen Wert, dem sie dienen sollte: nämlich dem Leben.

Bedeutet flexibel auch innovativ?
Der Volksmund fand ein einprägsames Sprichwort, dass einer flexiblen Lebenshaltung innovative Erfindungen entspringen können: „Not macht erfinderisch.“ Wer Probleme flexibel, pragmatisch und lösungsorientiert angeht, erschließt neue Wege, auf denen sich überraschende Neuheiten einstellen. Beispiel: Als Turin 1706 von den Franzosen belagert wurde, neigte sich der Schokoladenvorrat allmählich dem Ende zu. Was taten die süßigkeitsvernarrten Turiner? Auf Schokolade verzichten? Nein: Sie zerrieben die reichlich vorhandenen Haselnüsse und mischten sie unter die Schokoladenmasse. Nutella war erfunden! Das heißt nicht, dass aus Flexibilität automatisch Innovationen hervorgehen. Weil sich aber die Möglichkeiten vervielfachen, erhöhen sich auch die Chancen zu innovativen Leistungen. Flexibilität beruht darauf, bisher nicht gesehene Verknüpfungen unterschiedlichster Materialien, Bereiche und Gebiete wahrzunehmen. Genau so definieren wir Innovation: als Herstellung von Verbindungen, die es bisher nicht gab.

Führt Flexibilität auch zu einer Effektivitätssteigerung?
Flexibilität und Effektivität stehen im Verhältnis zueinander. Der vierte Earl of Sandwich und exzessive Kartenspieler John Montagu sah nicht ein, nur wegen dem Essen sein Spiel zu unterbrechen. Also ließ er es sich zwischen zwei Brotscheiben legen. Mit einer Hand aß er, machte sich nicht mal die Finger fettig, mit der anderen Hand spielte er Karten. Höchst effektiv: Essen und Spielen in einem, aufgrund der flexiblen Gestaltung des Essens. Die Flexibilität des Earl of Sandwich steigerte die Effektivität seines Kartenspiels. Genauer: Der Earl war zwar hinsichtlich der Speisegestaltung höchst flexibel, aber nicht was das Kartenspiel anging. Das zeigt: Flexibel sein erstreckt sich nicht auf alle Werte. Flexibilität steht immer im Dienste eines anderen Wertes. Und dieser Wert ist gerade nicht beliebig austauschbar. Wer flexibel sein will, versucht die Effektivität zu steigern. Aber nicht der Flexibilität zuliebe, sondern um den eigentlichen Wert besser, direkter und wirkungsvoller zu realisieren. Flexibilität ist also nicht für sich und in allen Bereichen sinnvoll.

Wann wird Flexibilität zur Routine? Und wann ist Routine positiv, wann negativ?
Viele kennen die Ratschläge: „Gestalten Sie ihr Sexualleben spontaner, aufregender, prickelnder, erotischer!“ Und das heißt: flexibler. Nicht immer nur am Sonntagmorgen und wie die bekannten Missionare. Der versteckte Wert, den man durch die Flexibilität zu realisieren versucht: Die Partnerschaft, die Beziehung (oder kurz: die Liebe), die intensiviert werden soll. Aber die gut gemeinten Ratschläge können in ihr Gegenteil umschlagen: Man verfällt dem Zwang zur flexiblen Sexgestaltung. Schnell das Kamasutra durchblättern, was wurde noch nicht ausprobiert? Bloß nicht das Liebesgeflüster von gestern von sich geben? Und immer nach einer neuen Örtlichkeit suchen! Der Effekt ist deutlich: Stress. Wenn sich die Flexibilität als Eigenwert an Stelle des eigentlichen Guts schiebt, wird sie nicht zur langweiligen, sondern höchst gefährlichen Routine. Dann geht es nur noch darum, flexibel zu sein, ohne zu wissen wozu. Wo Flexibilität sinnentleert ist, wird sie zur Routine und zum Zwang. Daher muss überlegt werden, welchem Nutzen die Flexibilität dienen soll. Das ist das Entscheidende: Flexibilität dient einer Sache, einem Gut und einem Wert.

Wie gewinnen wir mehr Flexibilität und ändern Gewohnheiten und Routinen?
Die Tugend der Flexibilität lassen sich an ganz einfachen, alltäglichen und kleinen Szenerien einüben. Nur Übung macht bekanntlich den Meister. Also im Kleinen beginnen und vor allem: Keinen Zwang aufkommen lassen, sondern Flexibilität spielerisch einüben, um Routine zu durchbrechen. Ratgeberbroschüren schlagen vor: Fahren Sie einen unbekannten Weg zur Arbeit. Neue Eindrücke erhöhen nicht nur die Lebensqualität, sie führen auch dazu, das Fremde und Andere nicht als Gefahr zu werten, sondern als Bereicherung. Sodann: Ändern Sie am Wochenende auch einmal ihren Tagesablauf. Wieso nicht mit den Kindern einmal das Abendbrot als Frühstück gestalten. Fahren Sie am Wochenende in irgendeine unbedeutende Stadt, bewundern Sie das Rathaus, den Markplatz, als stünden Sie vor dem Eiffelturm. Oder gehen Sie in den falschen Film: Lösen Sie einfach eine Karte für Kino 7, ohne zu wissen, was sie dort erwartet.

Auch die „Six Thinking Hats“ von Edward de Bono, einem der führenden Lehrer für kreatives Denken, haben sich bewährt: Betrachten Sie eine Situation von verschiedenen Seiten! Wechseln Sie die Perspektiven wie farbige Hüte. Der gelbe Hut: Wer ihn aufsetzt, betrachtet eine Situation allein unter der Prämisse des Optimismus. Nicht jede Veränderung ist nur schlecht, was ist das Gute an einer Situation? Der schwarze Hut erlaubt uns, die immer auch vorhandenen Ängste zu artikulieren. Wichtig: Erst bewusst gewordene Angst und Hemmung können angepackt und überwunden werden. Und der grüne Hut lässt uns die Rolle des Machers spielen. Wo ergeben sich neue Möglichkeiten, welche Lösungen gibt es? Die Pointe der Hutstrategie: Sie eröffnet spielerisch die Vielfalt des eigenen Denkens. Wir nehmen Rollen ein, die frei von Zwängen sind. Das lehrt aktives Gestalten und die Entwicklung einer Mentalität, sich bewusst zu machen: Ich bestimme angesichts einer Situation, wohin meine weiteren Schritte führen sollen. Und die zweite Pointe: Die Hüte setzen wir am besten im Team auf. Je mehr Akteure ihre Perspektiven einbringen, desto größer wird der Pool an Möglichkeiten und Lösungen.

Klaas Huizing – Schriftsteller & Theologe

Prof. Dr. Dr. Klaas Huizing unterrichtet am Lehrstuhl für Systematische Theologie und theologische Gegenwartsfragen der Universität Würzburg. Sein Bestseller „Der Buchtrinker“ wurde in elf Sprachen übersetzt. 2007 übernahm er die Chefredaktion des saarländischen Kulturmagazins „Opus“.
 

 

 

 

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