Energiewende – und nun?

Professor Dr.-Ing. Martin Faulstich, Inhaber des Lehrstuhls für Rohstoff- und Energietechnologie an der Technischen Universität München und Vorsitzender des Sachverständigenrates für Umweltfragen der Bundesregierung, gibt einen Ausblick auf die Konsequenzen der Energiewende.

Herr Professor Faulstich, die Energiewende ist beschlossene Sache. Welche Konsequenzen hat dies für den Energiemarkt in Deutschland – sowohl kurz- als auch langfristig? Und was bekommt der Verbraucher eigentlich von all den Änderungen mit?

Der Energiemarkt befindet sich in einem fundamentalen Wandel. Bis vor wenigen Jahren haben einige wenige Konzerne mit einigen Hundert Großkraftwerken Deutschland zuverlässig versorgt. Schon heute gibt es mehrere Hunderttausend dezentrale Stromerzeuger, also Anlagen, die Wind, Sonne, Wasser und Biomasse nutzen. Langfristig wird es ein Vielfaches sein. Der Verbraucher spürt davon im täglichen Leben relativ wenig. Obwohl mit intelligenten Netzen viele Bürger mit Elektromobilen, Solaranlagen und Kellerkraftwerken sogar Verbraucher und Erzeuger zugleich werden

Der Atomausstieg und die damit verbundene Energiewende sind mit hohen Kosten verbunden. Was denken Sie, wer und in welcher Form wird diese Kosten tragen?

Der Übergang von unserem heutigen, weitgehend auf Kohle basierenden Stromerzeugungssystem auf eines, was weitgehend auf erneuerbaren Quellen basiert, ist natürlich mit zusätzlichen Kosten für den Netz- und Speicherausbau verbunden. Langfristig werden jedoch die konventionellen Energieträger immer teurer und die regenerativen immer günstiger. Die Kosten für die Energiewende müssen alle tragen, dafür kommen die auf lange Sicht günstigeren Kosten auch allen zugute. Die vorübergehenden Belastungen der energieintensiven Branchen sind besonders zu berücksichtigen, jedoch auch ein Anlass, die Bemühungen um Energieeffizienz zu steigern.

Wie werden sich die Energiepreise voraussichtlich in Folge der Energiewende entwickeln?

Langfristige Prognosen sind naturgemäß schwierig. Die Stromgestehungskosten werden bis etwa 12 Cent pro kWh steigen. Ab etwa 2030 wird ein Mix aus erneuerbaren jedoch kostengünstiger sein als ein Mix aus konventionellen Energieträgern. Szenarien gehen für 2050 – rückgerechnet auf heute – von 7 bis 8 Cent pro kWh aus. Ein Vier-Personenhaushalt hat Stromkosten von etwa 90 Euro im Monat. Bei einer Kostensteigerung von 20 % in den nächsten zehn Jahren, wären das nicht einmal 20 Euro im Monat mehr. In Relation zum Nutzen und zu sonstigen Nebenkosten ist das sicher akzeptabel.

Können Sie mittelständischen Unternehmen eine spezielle Strategie empfehlen, wenn es um das Thema Energie geht?

Steigende Energiepreise sind sicher die beste Motivation, die Anstrengungen zur Energieeinsparung zu verstärken. Die Energiewende mit ihrem hohen Bedarf an dezentralen Anlagen bietet aber gerade für den Mittelstand die besten Chancen, neue profitable Geschäftsfelder aufzubauen. Wir untersuchen daher in einer umfangreichen Studie für die Tyczka-Gruppe, welche Märkte und Technologien hier besonders chancenreich sein können.

Hat auch die Finanzkrise einen Einfluss auf die Energiewende?

In der Finanzkrise sind die Banken derzeit eher zurückhaltend bei der Finanzierung von Investitionen, also auch bei energietechnischen Großprojekten. Investitionen in Zukunftstechnologien sind zugleich jedoch ein attraktiver Weg aus der Finanzkrise, gerade auch für die von der Krise besonders betroffenen wind- und sonnenreichen Länder.

Für wie verlässlich halten Sie die deutsche Energiepolitik? Und wie wird sie eventuell durch Europa beeinflusst?

Unsere Energiewende wird weltweit mit großem Interesse verfolgt. Wenn ein Industrieland wie Deutschland diese Herkulesaufgabe meistert, dann wird das ein Vorbild für viele Länder sein und erhebliche industriepolitische Chancen eröffnen, gerade für eine exportorientierte Nation. Zudem gibt es doch ohnehin keine Alternative zur Energiewende. Die fossilen Energieträger sind klimaschädigend, Öl und Gas gehen zudem zur Neige und die Atomenergie ist nicht akzeptiert. Den Zug der Erneuerbaren wird in Europa keiner aufhalten.

Welchen Beitrag kann Flüssiggas in der Zukunft spielen?

Flüssiggas kann als Redundanzlösung in der Versorgung mit regenerativer Wärme eine wichtige Rolle spielen. Darüber hinaus ist für exzellent gedämmte Gebäude im ländlichen Raum mit geringem Restwärmebedarf eine dezentrale Flüssiggasversorgung interessant.

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